cat-right

Interview Dr. Barbara Becker-Jákli, NS DOK Köln, zur Ausstellung JÜDISCHES LEBEN IN KÖLN 1918-45

Köln, 19. Januar 2009. Im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln ging gestern die Sonderausstellung JÜDISCHES LEBEN IN KÖLN 1918-1945 zu Ende. 1988, damals jährte sich die Reichspogromnacht zum fünfzigsten Mal, hatte die ebenfalls am 9. November gestartete Sonderausstellung nicht JÜDISCHES LEBEN, sondern JÜDISCHES SCHICKSAL IN KÖLN 1918-1945 geheißen.

Eric C. Martienssen, God’s Sabbath International (GSI), sprach mit Frau Dr. Barbara Becker-Jákli vom NSDOK, die auch schon an der Sonderausstellung 1988 mitgewirkt hatte.

GSI: Frau Dr. Becker-Jákli, aus „jüdischem Schicksal“ machte NSDOK 20 Jahre nach Erstpräsentation „jüdisches Leben“ – wurde die aktuelle Sonderausstellung geschönt und wenn JA, warum? Kann selbst Ihr Haus die ungeschminkte Wahrheit nicht mehr ertragen?

Dr. Becker-Jákli: Mit dem Begriff des Schicksals verbindet man sehr stark die Vorstellung von Ereignissen, die ohne eigentliche Gestaltungskraft der Menschen geschehen. Die Diskriminierung, Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung während der NS-Zeit geschah aber unter klarer Zielsetzung des NS-Staates und seiner Träger, hat sich also nicht „schicksalhaft“ vollzogen, sondern war bewusst organisiert. Wir haben uns daher bei der jetzigen, erneuten Präsentation der Ausstellung für die Bezeichnung „jüdisches Leben“ entschieden, die nicht von vornherein eine bestimmte Interpretation der Verfolgungsgeschichte beinhaltet. Zudem wird durch diese neue Bezeichnung der Teil der Ausstellung betont, der das jüdische Leben vor 1933 und das Judentum als Teil der Kölner Gesellschaft darstellt.
An der Darstellung der Verfolgung, die innerhalb der Ausstellung detailliert analysiert wird, hat diese veränderte Bezeichnung nichts geändert.

GSI: Ebenso wie 1538 der deutsche Protestantenvater Luther, der – soweit bekannt – als erster Mensch überhaupt schon 400 Jahre vor der Reichskristallnacht zur Verbrennung der Synagogen aufgerufen hatte, so war es 2008 wieder ein deutscher Kirchenvater, unser Papst, der erneut von verblendeten Juden sprach – der Theologe Prof. Hanspeter Heinz hatte auf der GSI-Site über diese Störung der christlich-jüdischen Beziehungen berichtet. Ihre Ausstellung hingegen scheint die Schuld der Kirchen vollkommen außer Acht zu lassen, gibt es hier – mit allem Respekt gefragt – Verbesserungspotential?

Dr. Becker-Jákli: Es ist richtig, dass die Rolle der katholischen, der evangelischen Kirche oder einer anderen christlichen Gemeinschaft in der Ausstellung „Jüdisches Leben“ nicht speziell thematisiert wurde. In unserer Dauerausstellung wird dieses Thema jedoch aufgegriffen. In unserem Internet-Angebot „Erlebte Geschichte“ finden Sie zudem Zeitzeugeninterviews, die auch darauf Bezug nehmen, etwa das Interview mit Alexander Groß, Sohn von Nikolaus Groß. Die Religionsgemeinschaften während der NS-Zeit waren auch das Thema eines Symposiums, das vor einigen Jahre im NS-Dokumentationszentrum abgehalten wurde.
Insgesamt hat sich die historische Forschung in diesem Bereich seit 1988 stark entwickelt. Vor kurzem erschien eine Untersuchung zum Antisemitismus in Köln während der Weimarer Zeit, die auch die Rolle der Kirchen in den Blick nahm: Nicola Wenge, Integration und Ausgrenzung in der städtischen Gesellschaft. Eine jüdisch-nichtjüdische Beziehungsgeschichte Kölns 1918-1933, Mainz 2005.

GSI: Noch eine letzte Frage, die Ihre Sonderausstellung mit dem „Makkabäer-Fest“ nur am Rande, G-tt hingegen als Grundlage für die gesamte Menschheit bereits im Schöpfungsbericht ansprach, also als Top-Prio für Alle gemeint: die Frage nach dem Sabbat und den biblischen Festen. Ist es für Sie eine Überlegung wert, dieser allumfassenden Versöhnungsfrage in Ihrer Ausstellung künftig Raum zu geben?

Dr. Becker-Jákli: Das NS-Dokumentationszentrum sieht sich ganz generell den Prinzipien von Demokratie, Toleranz und Verständigung zwischen Kulturen und Religionen verpflichtet. Diese Werte zu stärken ist Grundlage und Zielsetzung unserer Arbeit. So arbeiten wir zum Beispiel eng mit der Kölner Synagogen-Gemeinde, mit vielen jüdischen Organisationen im In- und Ausland und der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-jüdische Zusammenarbeit zusammen.



Kommentarfunktion geschlossen.