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Jüdische Identität und Glaube STAAT ISRAEL 3

Fortsetzung des Artikels von Israel Yaoz

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Dieser Aufsatz möchte dazu beitragen, Erkenntnisse über das Selbstverständnis der Juden und ihre innere Beziehung zum Land Israel zu gewinnen. Einerseits braucht das Volk einen Staat, in dem es eine absolute Mehrheit bildet, um dort ungestört seine Identität zum Ausdruck bringen zu können, anderseits kann dieser Staat in keinem anderen Land der Welt sein, weil das Land eben selbst ein Teil dieser Identität darstellt.

Während der zweitausend Jahre seines Umherirrens unter den Völkern, in der Fremde, trug das Volk sein Vaterland in Form von Bibel und Talmud in seinem Wanderbeutel mit sich. Es lebte im Glauben an die verheißene “herrliche Zukunft”, wenn Gott seines Volkes gedenken, und es in seine alte Heimat zurückführen würde – jene Heimat, die es in seinem Herzen, seinen Gedanken und Gebeten, seinen Hoffnungen und Träumen immer bei sich getragen hatte. Dieser Gedanke hielt es gefesselt, hielt es wach, begeisterte es und zeigte ihm seinen Weg durch die vielen Jahrhunderte der Verbannung.

In diesen Jahrhunderten hatte Israel viele Sorgen und Probleme, ein Problem gab es aber kaum: die Erhaltung seiner Identität. Die heilige Schrift, die strengen Vorschriften des Talmuds, die uralten Traditionen, aber auch die Ghettomauern, gaben ihm die Möglichkeit, sein eigenes Leben als Volk zu führen, seinem Selbsterhaltungstrieb gerecht zu werden und nicht unter den Völkern aufzugehen. Es wollte ja nicht verschluckt werden von den Völkern, es wollte weiterleben, so wie jeder lebendige Körper weiterleben will.

Dann jedoch, im 19. Jahrhundert, kam die Emanzipation für die Juden Europas und brachte ihnen die Gleichstellung mit der Umwelt. Die Folge davon war zunächst eine Anlehnung, danach eine Angliederung an die christlich-abendländische Kultur.

Zum ersten Mal in seiner Geschichte sah sich das jüdische Volk der Gefahr einer geistigen Vernichtung gegenüber. Ein Assimilationsprozess begann, wie er vorher kaum möglich war. Die alten „jüdischen Werte“ wurden zur Seite geschoben zugunsten von Werten der europäischen Kultur (→Kolosseum statt Gottes Tempel). Es war praktisch nur eine Zeitfrage, wie lange sich das Judentum unter diesen veränderten Bedingungen erhalten könne.

Diese neue, geistige Not der Juden war da am größten, wo die Assimilation an die Gastvölker am weitesten fortgeschritten war: in Westeuropa. Sie wurde verursacht von der sich ausbreitenden Ablösung großer Teile des jüdischen Volkes vom Volkskörper. Jedoch, so wie jeder lebendige Körper sich gegen Mikroben zu schützen sucht, wenn sie ihn angreifen, entwickelte auch das jüdische Volk sein Antiserum gegen diese neue Gefahr.

Dieses Antiserum war der Zionismus. Es ist kein Zufall, dass der zionistische Gedanke im 19. Jahrhundert seine Anfänge nahm – ich meine, der zionistische Gedanke als praktischer Versuch, den nie vergessenen Traum der Rückkehr in das gelobte Land in die Wirklichkeit umzusetzen,
heute und nicht dereinst . . .

Bis zum 20. Jahrhundert war die zionistische Idee nicht unbedingt notwendig, das Judentum am Leben zu erhalten; sein Herz pulsierte, sein Geist funktionierte, seine Glieder reagierten, kurz: es lebte.

Eine weitere Ursache der Assimilation war ein allgemeines Charakteristikum des 19. Jahrhunderts in Westeuropa: die Abnahme das Glaubens. An seine Stelle trat die Wissenschaft – das kritische Denken! Nicht mehr Bibel und Talmud galten als unbedingte letzte Wahrheit für den Juden, nicht mehr das Alte und Neue Testament als unantastbare, heilige Offenbarung für den Christen, sondern die Erkenntnisse der Wissenschaft wurden zu den unbestreitbaren Maßstäben des Denkens: die Kritik, die Vernunft, das “einmaleins-gleich-eins“.

Und zu dem Zeitpunkt, als das kritische Denken die gemeinsame Basis für Juden und Christen in Europa wurde, wo die Vernunft und nicht mehr der Glaube die endgültigen Antworten gab, da brach ein Damm, da stürzten auch die geistigen Ghettomauern. Auch daraus resultierte die oben erwähnte geistige Not der Juden, ihre Identität zu wahren.

Damals, im 19. Jahrhundert, und dort, in Europa, musste der Zionismus geboren werden, um die zukünftige Existenz des Judentums zu garantieren: Jedenfalls für jenen Teil des jüdischen Volkes, der den Glauben verloren hatte, seine Identität aber nicht preisgeben wollte.

Nur so ist es zu verstehen, dass die ersten Träger der zionistischen Idee gerade aus dem ungläubigen Teil des jüdischen Volkes kamen. Die gläubigen Juden wollten zu Anfang nichts von dem zionistischen Experiment wissen. Bekannt ist der Fall der “Protestrabbiner”: fünf deutsche Rabbiner, die im Namen der gläubigen Juden im Jahre 1897 einen scharfen Protestbrief gegen den Zionismus verfassten. Der erste „Zionistische Weltkongress“ 1897 sollte eigentlich in München stattfinden, aber die Vertreter der dortigen jüdischen Gemeinde vereitelten diesen Plan. Der gläubige Jude benötigte den Zionismus nicht, er hatte ja seine Verheißung in seiner Tasche, „bei sich“ im Gebet, im Gebot, im Glauben.

Hinzu kam noch eine panische Angst vor einer neuen Enttäuschung. In der zweitausendjährigen Geschichte der Diaspora hatte es viele “zionistische” Versuche, viele “Messiasse” (→Sehnsucht nach Erlösung STAAT ISRAEL 2) gegeben. Alle hatten erst große Hoffnungen erweckt, dann aber tiefe Enttäuschungen gebracht. “Gottes Zeit ist noch nicht gekommen” – hieß es.

Allmählich aber wurde der zionistische Traum eine Wirklichkeit. Die Furcht vor einer Desillusionierung wurde geringer. Damit kam auch von religiöser Seite eine stufenweise Befürwortung des praktischen Zionismus. Wenn auch der heutige Staat Israel von den gläubigen Juden nicht als der von Gott verheißene Staat angesehen wird – und er auch nicht so angesehen werden kann – so gilt er doch bei einem großen Teil der Gläubigen als der Vorbote dieses künftigen Heilsstaates [die talmudische Terminologie spricht von “Atchalta di`ge`ulah” = Anfang der Erlösung]. Allerdings gibt es in Jerusalem auch die äußerst kleine Gruppe der “Neturei Karta” = “Wächter der Stadt” [gemeint ist die heilige Stadt Jerusalem], die diesen weltlichen Staat nicht nur in jeder Beziehung ablehnt, sondern ihn sogar als Gräuel empfindet. Ein Gräuel, der durch seine bloße Existenz das Kommen des Messias und damit die Entstehung des endzeitlichen Heilsstaates hinauszögert.

Fortsetzung (am 14.10.10) klick STAAT ISRAEL Teil 4


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