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Warum gibt es keinen „Schabbat Wesot haBracha“ 2

...von Jehonatan Kiebitz...

…von Jehonatan Kiebitz…

BS“D

Klick auf Teil 1
An diesem 8. Tag, Schmini Atzeret, dem Schlussfest, beinhaltet der Propheten-Abschnitt, die Haftara zum Schlussfest, den oben zitiertern Ausschnitt aus 1. Könige Kapitel 8. Da lohnt es sich noch einige Kapitel weiter zu lesen, bis bereits von der Zerstörung Jerusalems und des Tempels, damals als Prophetie, die Rede ist. Das macht den Eindruck, dass so wie Adam und Eva das Paradies, so auch später ganz Israel das gelobte Land wieder verlassen musste. Das geschah allerdings zweimal nach jeweils mehreren Jahrhunderten, bildet also einen exponierten Teil der Weltgeschichte und findet seinen Höhepunkt in unserer Zeit. Warum?
So wie die Befreiung Israels aus Ägypten dazu diente, dass der Heilige Name des Schöpfers und Erlösers allen Völkern bekannt wurde, so dient die Einsammlung Israels aus allen Völkern, Ländern und Sprachen heraus (auch aus den christlichen und den Islamischen Ländern [der Ringparabel] zurück ins Land Israel), wiederum zur Erkenntnis des Ewigen für alle Völker!

In unserem Fall sind wir ausgegangen vom „Simchat Tora“, dem Neujahrstag des Torajahres mit „Wesot Habracha“, dem Wochenabschnitt, der außerhalb des Landes Israel nie an einem Schabbat gelesen wird. Das hat seine Ursache in dem Galut Bawel, der Babylonischen Gefangenschaft Israels nach der 1. Zerstörung der Stadt Jerusalem und des Tempels.
Dort, in Babylon, haben die Gelehrten Israels gemerkt, dass die „Mündliche Tora“, die nur durch ein für uns heute unvorstellbares Gedächtnis Israels überliefert wurde, in Gefahr kommt, verloren zu gehen. Sie wollten diesen Schatz retten und dokumentieren, und es entstand über den Zeitraum von 70 Jahren hinweg der Anfang des → Babylonischen Talmud, in dem die mündliche Überlieferung nun aufgeschrieben wurde. Unabhängig davon entstand unter den in Eretz Israel zurück gebliebenen Jehudim aus den gleichen Gründen mit nur geringfügigen Unterschieden der Talmud Jeruschalmi. Das Aufschreiben war die Rettung, denn später kam die Zerstreuung Israels unter alle Völker, und heute wäre die mündliche Überlieferung, die durch den Talmud erhalten blieb, nicht mehr vorhanden. Die Mischna, Gemara und weiteren Schriften, die heute zum Talmud gehören, → entstanden erst in späteren Jahrhunderten.

Als Israel aus dem Galut Bawel zurückgekehrt war, kamen aber noch andere Probleme auf, die auch mit dem Gedächtnis zu tun haben können. Israel war in Gefahr gekommen, die Praxis des Lebens nach der Tora, die Fähigkeit Gott zu dienen, zu verlieren. Hier bekamen zwei Propheten unersetzliche Bedeutung für Israel: Esra und Nehemia. Sie gliederten die ganze Tora in Wochenabschnitte und führten das Torajahr ein, durch das in Israel bis heute die Tora erhalten wurde, durch das umgekehrt Israel aber auch bis heute der Tora erhalten wird. Da wurde das eigentlich vierte Wallfahrtsfest, das als 8. Tag dem Laufhüttenfest angeschlossen war, zum Neujahrstag des Torajahres gemacht, was ja auch naheliegt, denn dieser 8. Tag bedeutet das Schlussfest im Festkalender Israels.
Im Lande Israel kommt es nur selten vor, dass Schmini Atzeret auf einen Schabbat fällt, und da heißt er nicht „Schabbat Wesot HaBracha“ sondern Schmini Atzeret und gleichzeitig „Simchat Tora“ und übernimmt auch noch Funktionen vom Schabbat CholHamoed.

. . . . . . . . . . Ergänzung der GSI-Redaktion – unser “Graues Kasterl” . . . . . . . . . .
Stichpunkte des Schabbat Chol haMoed nach dem jüdischen Hawdala-Kalender: < Moses sieht Gottes Herrlichkeit || Am Tag des Gog bei seiner Ankunft in Erez Israel - Strafgerichte des Ewigen über viele Völker, und sie erkennen, dass Er der Ewige ist > Psalm 88 | Weiteres zu Sukkot und diesem besonders fröhlichen Schabbat im letztjährigen GSI-Artikel → Liebe leben: Sukkot-Schabbat Chol haMoed!

Erst nach der Zerstörung des zweiten Tempels, als Hillel der Jüngere, der letzte Vorsteher des Sanhedrin, mit einem einmaligen Weitblick den Jüdischen Kalender vom Erscheinen von Zeugen in Jerusalem unabhängig machte und für über 2000 Jahre im voraus festschrieb (Das Sanhedrin befand sich nach seinem zehnten Ortswechsel in Tiberias), setzte er für die Länder außerhalb Israels die Diaspora-Feiertage ein, ließ also auf die Hohen Feiertage einen zweiten Tag folgen. Auf Schmini Atzeret folgte Simchat Tora und erscheint dadurch als Diaspora-Feiertag.

. . . . . . . . . . Ergänzung der GSI-Redaktion – unser “Graues Kasterl” . . . . . . . . . .
Stichpunkte zum „Schmini Atzeret (8. Tag – Schlussfest| Hallel | 5.Mo.14,22-16,17 | 4.Mo.29,35-30,1 || 1.Kö.8,54-66) nach dem jüdischen → Hawdala-Kalender: < Zehnten - 3 Wallfahrtsfeste || am 8. Tag Tempel eingeweiht > Psalm 65 & 12
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Stichpunkte zum „Simchat Tora“ (Tora-Freudenfest| Hallel | 5.Mo.33,1-34,12 ◄ ► 1.Mo.1,1-23 | 4.Mo.29,35-30,1 || Jos.1,1-18) nach dem jüdischen Hawdala-Kalender: < Moses Tod ◄ ► Schöpfungsbericht || Josuas und Israels Auftrag der Landnahme > Psalm 147 & 8

Dieser Tag kann niemals auf einen Schabbat fallen, was dadurch gesteuert wird, dass Jom Kippur niemals am Tag vor oder nach Schabbat vorkommen darf. Deshalb wird nur noch in Israel die Paraschat Wesot HaBracha am Schabbat gelesen, falls Schmini Atzeret auf einen Schabbat fällt, der in Israel also gleichzeitig Simchat Tora heißt, und das nur weil in Israel die Diaspora-Feiertage nach jedem hohen Feiertag entfallen, dadurch aber Simchat Tora auf Schmini Atzeret gelegt wurde.
Das Fatale besteht nun darin, dass in Israel der Hohe Feiertag Schmini Atzeret, den ich Chag HaAtid, Fest der Zukunft, nenne und ihm darin die größte Bedeutung beimesse, durch Simchat Tora wesentlich überlagert wird. Das scheint sich eine liberale Gesinnung in Israel zunutze gemacht zu haben, indem sie eine neue politische Partei gegründer hat: „Jesch Atid (Es gibt eine Zukunft)“!
Außerhalb des Landes Israel wurde ich mit Tendenzen des „Liberalen Reform-Judentums“ konfrontiert, das alle Diaspora-Feiertage plump abschaffen will, denn bei denen ist an solchen Tagen der Reform-Rabbiner in der Synagoge oft allein wie manchmal der Pfarrer in seiner Kirche.
Hier in Israel, wo die Diaspora-Feiertage nicht mehr praktiziert werden dürfen, weil man hier nicht mehr in der Diaspora ist, bringt diese Tatsache aber auch Probleme. Der Feiertag „Simchat Tora“ geht als Neujahrstag des Torajahres aber auch nicht als Diaspora-Feiertag abzuschaffen, und ich gehe davon aus, dass er schon nach der Rückkehr aus dem Galut Bawel eingeführt wurde. Mir gaben alle Rabiner Recht, die ich bisher darauf ansprach, dass der Feiertag „Simchat Tora“ vom Hohen Feiertag Schmini Atzeret, wieder getrennt werden muss wie in der Diaspora. BS“D !

Zum Abschluss soll ein Vergleich mit Psalm 90 „Tefilah leMoscheh Isch HaElohim“ (Gebet von Mosche, dem Manne Gottes…) auch den Kreis innerhalb dieser Betrachtung schließen. Auszug aus dem Kommentar von Rabbiner S. R. Hirsch und seiner Übersetzung zu Psalm 90 Vers 1:

„Tefilah leMoscheh, eine Tefilah (Gebet), in welcher Moses als Isch haElohim, als von Gott zum Werkzeug für seine Waltung Erwählter, sich die Bedeutung dieser seiner Sendung für die Geschichte der Menschheit aus einem Hinblick auf die Bedeutung der bis zu seiner Sendung verflossenen Jahrhunderte der Menschenentwicklung zur Erkenntnis bringt…“

In der Ausgabe vom Verlag Morascha Basel „Tehilim (Psalmen) Schma Kolenu“ schreibt der Herausgeber zu Psalm 90 folgende Einleitung: „König David fand den geschriebenen Text dieses Psalms, der laut Überlieferung von Mosche verfasst wurde, und uns Menschen aufruft, die beschränkte Zeit unseres hiesigen Daseins auf bestmögliche Weise auszunützen.“

Da dieser Psalm mit dem vergleichbaren Wortlaut beginnt, „Tefilah leMoscheh Isch HaElohim“ (Gebet von Mosche, dem Mann Gottes…), wie „Wesot HaBracha ascher berach Moscheh Isch HaElohim et Benei Israel lifnei Moto“ (Und dies ist der Segen, mit welchem Mosche, der Mann Gottes, Israels Söhne vor seinem Tode segnete), indem derselbe Schreiber sich zu erkennen gibt, dürfte es für uns außer Zweifel sein, dass beide Texte auch von derselben Hand geschrieben wurden.

. . . . . . . . . . . . . . Nachwort des Verfassers zu diesem Beitrag: . . . . . . . . . . . . . . .
Ein Dank gebührt dem Betreiber der GSI-Website Gods-Sabbath.de, Eric Martienssen, der diesen Beitrag rechtzeitig wieder aufgegriffen hat und mich bat, diesen nun nach einem Jahr zu aktualisieren. Dabei machte er zwei Wünsche geltend, und zwar die Umstellung im Titel des Beitrages mit der Frage „Warum“ und außerdem, das Zitat aus dem Kommentar vom Rabbiner Hirsch zum Abschnitt „Wesot HaBracha“ an den Anfang zu setzen.
In der Broschüre „Forum 77“ hatte ich die Version von vor einem Jahr meinen Lesern zugänglich gemacht und sie dabei zur Erwartung der Überraschung geweckt, die sie beim Erscheinen in der GSI-Webseite dieses Mal mit mir gemeinsam erleben dürfen. Das Ergebnis meiner Bearbeitung und der vom Eric Martienssen werde ich BS“D im Forum 78 den Freunden des Hawdala-Kalenders wieder sichtbar machen, die dieses Geschehen nicht im Internet miterleben können.

Mit Glück- und Segenswünschen allen, die für Israel und „den Hüter Israels“ das Verständnis suchen!

Ihr Jehonatan Kiebitz


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