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BRIEF an die nichtjüdischen Männer der Völker

„Brief“ an die nichtjüdischen Männer der Völker
Von Rabbiner Samson Raphael Hirsch ( 1808 – 1888 )

Auszüge aus dem zweibändigen Buch „Im Kreis des Jahres“
– Aufsätze zum Jüdischen Kalenderjahr aus den „Gesammelten Schriften“
des Autors 1. Band Nissan – Aw (Verlag Morascha Basel 2008)
Seiten 129 bis 137 aus dem Abschnitt zum Monat Ijar

Jehonatan KiebitzBS“D

Auswahl und Anmerkungen von Jehonatan Kiebitz,
Ramat Bet Shemesh, Israel.

Zunächst ist der jüdische Kreis angesprochen, erst später folgt der „Brief“.
Historischer Hintergrund: Zeit nach Napoleon, Aufklärung, Emanzipation, Assimilation, Bürgerliche Revolutionen in Europa, Demokratisierung

    Sefira-Betrachtungen und -Erinnerungen
    (Sefira = Zählen, hier der Wochen und Tage vom Auszug aus Ägypten bis zu Matan Tora – der Gabe der Tora – am Berg Sinai, der ganze Monat Ijar ist geprägt vom Omer – Zählen)


„Wenn die Sichel angefangen hat am Getreide, fängst du an zu zählen sieben Wochen“ (Dewarim = 5. Buch Moses 16, 9).

Wenn Jisrael in „seinem Land“ das Fest seiner politischen Auferstehung im „Ähren-Monat“ feierte, hatte bereits das Frühkorn seine erste Reife erlangt und harrte der schneidenden Sichel. (Anmerkung: Im heutigen Jahr wurde in Israel zu diesem Zeitpunkt die ganze Szene vom Staatsbesuch des islamischen Präsidenten der Lutherischen Weltmacht geprägt!)
Aber dieses Fest, an welchem sich Jisrael alljährlich in seine ursprüngliche Armut, in seinen ursprünglichen, der Freiheit, der Selbständigkeit des Bodens, des Anrechts an den Gütern der Erde verlustigen Zustand zurückfühlen sollte, das Pessach musste erst vorüber sein, das Mazza-Fest erst begonnen haben, ehe die Sichel beginnen durfte, das neue Korn zu schneiden. So lange war Schabbat für den Schnitter, – auf dass dieser Schnitter-Schabbat Jisrael in Gott den Schöpfer seines Volksdaseins, den Eigner und Lehnsherrn seines Volksbodens erkennen und verehren lehren möge, wie der Welt- Schabbat die Menschheit auf ihren Schöpfer und Meister, auf den Eigner und Lehnsherrn ihrer Erde hinweisen sollte.
Mit dem fünfzehnten Nissan, nachdem Jisrael bereits einen Tag das Brot seines alten „Elends“ genossen hatte, ging dieser Schnitter-Schabbat (Anm.: der 15. Nissan, Jom Tov, Hoher Feiertag) zu Ende, und Jisrael trat in den Vollgenuss seines Bodens.
Aber wenn nun, nach Beendigung dieses Schabbats, munter „die Sichel am Korn angefangen hat“, hatte Jisrael nicht nur noch weiter auch während des Vollgenusses seines Bodens noch sechs Tage das Brot der Armut zu genießen, auch noch während des Vollgenusses seines Bodens sich die eigene Unselbständigkeit zu gestehen, sich zu gestehen, dass es diese Fülle nur Gott verdanke und ohne Gott noch jetzt das Brot der Armut essen würde. Nein, wenn schon die Sichel angefangen hat am Getreide, wenn Jisrael schon das Ziel erreicht hat, das den Höhepunkt des Nationalstrebens anderer Kreise bildet, Freiheit und Selbständigkeit hat, Land und Boden hat, Frucht und Getreide hat auf eigenen Äckern und Feldern, da, wo andere aufhören zu streben und zu zählen, fängt Jisrael erst an, Tage und Wochen bis zu dem Tag zu zählen, an welchem es den Empfang des Gutes feiert, für welches es Freiheit und Selbständigkeit, Land und Boden, Äcker und Felder erhalten, das allein erst seiner Freiheit und Selbständigkeit, seinem Land und Boden, seinen Äckern und Feldern Wert und Bedeutung verleiht, ohne welches alle diese Nationalgüter wertlos und bedeutungslos werden, ja das ganz eigentlich Bedingung und Boden seiner Nationalität bildet, das somit in Wahrheit sein einziger Nationalboden und sein einziges Nationalgut ist und bleibt.
Den Wert der Tora dem Freiheit und Boden besitzenden Jisrael in die Seele zu rufen, dem Staat im Ganzen und jedem Einzelnen in diesem Staat zuzurufen: das Land, das ihr besetzt, die Äcker, die euch blühen, die Früchte, die euch reifen, sind eure Götter und Güter nicht, sind nicht die Träger und nicht die Zwecke eurer Nationalität, eures Volks- und Einzellebens und Strebens; für die Tora war euch dieses alles, für die Tora habt ihr’s, ohne die Tora verliert ihr’s, und dieses ganze Land mit all seinem Überfluss an Milch und Honig, und das ganze, freie, reiche Volksleben, das in ihm aufblüht, ist nur Mittel, hat nur den einen Zweck, nur die eine Bestimmung, mit dieser Freiheit und Fülle ein Gesamt- und Einzelleben zu entfalten, wie es euer Gott und Herr euch in Seiner Tora gezeichnet hat – diesen bedingungslosen Wert der Tora und den bedingten Wert aller übrigen Güter uns in die Seele, ans Herz zu reden, das war die Bedeutung der Sefira, das war die Bedeutung der Tage und Wochen, die die Repräsentanten der jüdischen Gesamtheit so wie jeder Einzelne in Jisrael, vom Anfang der Sichel am Getreide bis zum Fest der Toragebung zu zählen hatten.
Als Jisrael diese Zählung vergaß, als es aufhörte auf seine Tora zu zählen, die Tora als Hauptfaktor seines Nationallebens zu betrachten, als es anfing, Freiheit und Selbständigkeit von seinem Land und Boden zu erwarten und Land und Boden als sein nach Völkerweise zu besitzendes, nach Völkerweise zu wahrendes Eigentum zu betrachten, als es meinte, auf sein Land und seinen Boden zählen zu dürfen, der Tora entraten und Brot und Boden, Freiheit und Selbständigkeit ohne Tora sich erhalten zu können, als „die Zahl seiner Städte Judas Götter“ geworden waren – da verlor es Land und Boden, Freiheit und Selbständigkeit, rettete nichts als die Tora, auf die es im Land nicht mehr gezählt hatte, und wandert nun bald zweitausend Jahre in der Fremde, und es kreisen die Zeiten, und es leuchtet die Sonne und es tränkt der Tau, aber ihm sprießen keine Saaten, ihm blühen keine Felder, es schwingt keine Sichel mehr an eigenes Getreide, auf eigenem Boden, weil in dieser „Sichel“ seine Bestrebungen enden wollten, und es nicht von dieser Sichel erst anfangen wollte, zu seiner Tora hin zu zählen! Seitdem es die Sichel vergötterte – hat es die Sichel verloren!
(Anmerkung: Das Emblem der sowjetischen Staatsfahne waren Hammer und Sichel, Symbol für Materialismus und Atheismus)
Und doch zählen wir noch, zählen, nach der Anordnung unserer tief blickenden Weisen auch jetzt – bodenlos, ackerlos – noch, nicht von dem Tag, an welchem wir, die Armen, die Sichel an das Getreide schwingen, sondern von dem Tag, an welchem die Väter auf freiem, eigenem Boden einst die erste Sichel an das neu gereifte Korn schwangen, [zählen] Tage und Wochen zum Tag der Tora! Ist diese Zählung Ironie? Ist diese Zählung wehmütige Trauer? Bedürfen auch die armen Bodenlosen, Ackerlosen, bedarf der seit zwei Jahrtausenden jedes eigenen Bodenrechts beraubte Menschenstamm noch der Warnung: dieses Bodenrecht, diesen Land- und Bodenbesitz nicht zu überschätzen? Bedarf auch er noch der Mahnung, Land und Boden nur als Mittel zur volleren Erfüllung der Tora zu schätzen, Land und Boden wertlos zu achten, sofern deren Besitz – nicht zur Tora führt?
0h, die Erfahrung unserer Tage hat uns die volle Bedeutung dieser Zählung, den vollen Ernst dieser Mahnung, auch für uns kennen gelehrt!
Wir haben die Zeiten erlebt, wo Söhne Jisraels an den Stufen der Throne, an den Pforten der Kammern – die Tora im Arm – um das Recht der Heimat, um das Recht des Land- und Ackerbesitzes bettelten, und dieses so lang versagte, so zögernd und schwankend bewilligte Recht so sehr überschätzten, dass sie sich bereit erklärten, die Tora, – dieses ihr heiligstes, einziges Nationalgut – zum Achtel, zum Viertel, zur Hälfte preiszugeben, um dafür ein ganzes, halbes, viertel, achtel Recht der Ansiedlung, der Einwurzelung in den Boden der Geburt (Anmerkung: … in dem Land, in das sie vertrieben worden waren) zu erlangen, dass sie sich bereit erklärten, die „Tora“ für die „Sichel” zu verkaufen.
Wir haben die Zeiten erlebt, wo man das jüngere Geschlecht gewöhnte, die „Berechtigten“, die ”Besitzenden“, „Bodengetragenen“ zu beneiden, den Besitz der Tora zu hoch um den Preis des Anbürgerungsrechts erkauft zu achten, die Tora als Hindernis auf dem Weg zur Freiheit, zur Selbständigkeit, zur „Sichel auf eigenem Acker“ gering zu schätzen, oder ihr dadurch nur noch einen Rest von Hochachtung zu retten, dass man die Gewissen durch das Opiat der Lüge betäubte: sie selbst (Anm.: die Tora!) fordere gar nicht solche Opfer, sie meine ihre Anforderung gar nicht so ernst, sie habe ihre heiligsten Gesetze nur mit der stillschweigenden Klausel, nur unter Vorbehalt eines geheimen Artikels gegeben, dass man alles nur zu halten brauche, so lange es auf dem Weg des bürgerlichen Fortkommens nicht hindere, sie selbst achte die Sichel viel höher als sich selbst und weiche gerne, wo sie die Schwingungen der Sichel störe!
(Anmerkung: An dieser Stelle lässt Rabbiner Hirsch Betrachtungen folgen, die widerspiegeln, wie die Umwälzungen in dem vorangegangenen 18. Jahrhundert in den Menschen Hoffnungen und Ideale geweckt haben, die sich bald als Täuschungen und Trugbilder herausstellen mussten, auch für viele Juden dieser Epoche, denn sie zielten darauf ab, den Erlöser Israels zu verlassen. Wir streben jedoch gerade an, einen anderen Abschnitt zu erreichen und werden dafür Absätze überspringen.) …
Denn in jenen Tagen des gehobenen Bewusstseins erlebten wir’s zugleich, wie weit, weit ab Jisrael noch von der Höhe sei, auf welcher ihm die Erlösung dämmern dürfte, weit ab von jenem Sefira-Geist, der nun, wenn ihm „der Acker und die Sichel“ geworden sind, nur mit noch erhöhtem Eifer, nur mit noch freudigerem Ernst zur Tora hin zählen würde. – Als ob die Tora nur fürs Galut gut gewesen wäre, als ob dieser geistige Boden nur Ersatz für den materiellen hätte sein sollen, neben dem materiellen aber seine Bedeutung verlöre, als ob die Tora nur Trost für Knechte, nicht aber Stolz und Diadem, Kraft und Leben den Freien zu bringen hätte, als ob Jisrael nur darum jahrhundertelang für seine Tora gelitten, für seine Tora geblutet hätte, damit einst seine erlösten Enkel das Gut verächtlich beiseite werfen, für welches die Väter geblutet und gelitten hatten, sahen wir Söhne Jisraels schon von der bloßen Hoffnung des „Sichelglanzes“ so geblendet, dass sie mit den Banden des Galut auch die Bande des göttlichen Gesetzes fallen wähnten, und der vermeintliche Posaunenruf der Freiheit (Anmerkung: Der Ruf der Revolution und des Chaos, nicht der Ruf des Schofar von Israels Erlöser!) die Säulen des jüdischen Heiligtums erschütterte.(Micha 2, 8), Jisrael war bereit, in Hoffnung eines „Hemdes“ seinen „Talar“ auszuziehen. – Auf die Probe hatte uns Gott gestellt, aber wir haben die Probe schlecht bestanden.
Der tiefer Blickende hätte sich damals schon sagen müssen, in solcher Erbärmlichkeit könne das große, einzige Weltdrama des jüdischen Galut nicht enden. War Juda ins Galut gewiesen, weil es Land und Boden als Träger seiner Freiheit und Selbständigkeit unter Geringschätzung der Tora überschätzte, so kann das Galut nicht mit derselben Verblendung enden, so kann die Erlösung uns nur dann werden, wenn uns die Galut-Jahrhunderte endlich zu der reinen Höhe geführt haben werden, dass wir die wiederzugewinnende Freiheit, die uns wieder zu gewährende Selbständigkeit, den uns wieder zu verleihenden Besitz des seit Jahrtausenden unser harrenden Bodens auf dem Weihealtar der Tora rein nur im Dienst Gottes verwenden würden, dass wir mit der wieder geschenkten „Sichel“ nicht wieder aufhören würden, Juden zu sein, sondern „wenn erst die Sichel am Korn auf eigenem Acker begonnen hat“, wir dann erst recht anfangen, Juden zu sein, unsere jüdische Aufgabe in noch reicherer Fülle zu lösen und mit freier selbständiger Kraft in noch erhöhtem Ernst dem Ziel der Tora entgegenzustreben.
Diese Probe, der zweite Akt unserer Galutprüfungen, harrt noch unser.
(Anmerkung: Heute spricht man für die ins Land Israel Zurückgekehrten vom „Galut im verheißenen Land“! – Es ist ein Schmelztiegel, in den die ganze Welt durch „Life-Übertragungen involviert ist! Das macht sichtbar, dass die ganze Weltgeschichte ihrem Ziele näher kommt. Es macht den Eindruck, als wenn sich die Tage von Chanukka innerhalb Israels wiederholen. Wie wird die ganze Welt reagieren, wenn das Chanukkat HaBeit für den dritten Tempel stattfindet? Wie werden sich dann die antireligiösen Juden gegenüber dem Tora-Judentum verhalten?)
Den ersten (Anm.: Akt), die Leidensprobe, hat Jisrael glänzend bestanden. Eben diese Sefira-Tage sind es ja, in denen Jisrael jahrhundertelang die höchsten Proben ablegte, wie es in Leiden den Sefira-Geist zu bewähren verstehe, wie es alle irdischen Güter und Freuden, wie es das ganze irdische Leben mit all seinem süßen, teuren Inhalt für nichts zähle, sofern es dabei genötigt sein sollte, von seinem einzigen Gott und Seinem heiligen Wort zu lassen, wie es jeden Augenblick bereit sei, die Erde hinzuwerfen, um seinem Gott in die Arme zu eilen. Zweihundert Frühlinge fast zogen in dieser Sefira-Zeit blutrot über Jisraels Häupter herauf, und wenn Jisrael von der alten Erlösung und der verlorenen Sichel zur ewigen Tora hin zu zählen begann, drang durch das düstere Gewölk der Zeiten, mit immer neuem Ernst, mit immer neuen Schrecken, die Frage des Einigeinzigen an Jisrael: „Bist du noch Mein, Jisrael?“ „Dein, im Leben und Sterben!“ antwortete Jisrael – und starb. Das Zeichen, das in allen andern Gedankenkreisen eine noch erst zu ergänzende Größe, die noch erst zu erwartende Vollendung, oder das noch Unbekannte, das erst zu suchende Etwas bedeutet, das Zeichen als Zeichen der vollendeten Herrlichkeit auf das Grab eines verstorbenen Juden zu pflanzen, erhoben sich die Völker.
Wie der Zug der Vögel zur besseren Heimat zog’s die europäische Menschheit zur jüdischen Heimat, zum Boden der einstigen – vergangenen und künftigen – jüdischen Größe hin, und sie meinten, die Heileswahrheit jenes Zeichens erst mit jüdischem Blut besiegeln und zum alten jüdischen Grab über Hunderttausende frischer, jüdischer Gräber wallfahren zu müssen! (Anm.: Im Mittelalter die Kreuzzüge, heute die Missionsgesellschaften!)
Sollen wir jene Sefira-Erinnerungen streichen aus unseren Gebeten, sollen wir das Gedächtnis der Tage verwischen, in welchen Jisrael das: „Kein Gott außer Dir!“ nicht mit Orgelklang und Chorgesang, wo es dies sein Bekenntnis mit dem Herzblut seiner Männer und Frauen, seiner Jünglinge und Jungfrauen, seiner Mütter und Bräute, seiner Kinder und Säuglinge, mit dem Brandschutt seiner Synagogen und Häuser, mit dem Raubopfer seiner Habe und Heimat verherrlichte, – das Gedächtnis dieser Siegeszeiten Jisrael´s sollte Jisrael vergessen?!
0h, dass wir’s aufzufrischen verstünden, dieses Gedächtnis unserer großen Zeiten, dass wir einen Funken jener alten Begeisterung für Gott und Sein heiliges Wort in unseren erschlafften Herzen zu wecken verstünden, oh, dass es einer verstünde, die Männer und Frauen, die Söhne und Töchter, die Knaben und Mädchen unserer Zeit im Geist um die Leichenhügel und Hügelein jener für die Tora Gestorbenen zu sammeln, dass es einer verstünde, die Begeisterung, die Opferfreudig­keit, die Standhaftigkeit, die Klarheit, die Ruhe, die stille Seligkeit und Besonnenheit zu zeichnen, mit denen die Väter und Mütter, die Jünglinge und Jungfrauen, die Knaben und Mädchen jener jüdischen Zeit offenen Auges in Flammen und Fluten, unter Dolchen und Schwertern freudig den Tod empfingen und Schma Jisrael und Alenu Leschabeach die auf Scheitern erlösten Seelen himmelwärts hob. Da würden wir lernen, „hold im Leben, untrennbar selbst im Tod” mit unserem Gott vereint zu bleiben; da würden wir lernen, “adlerleicht und löwenstark den Willen unseres Herrn und Meisters” zu erfüllen; da würden wir uns schämen lernen, der kleinen geringfügigen Opfer zu gedenken, die das Judentum heute von uns fordert. An den Gräbern der heimgegangenen Väter würden wir schwören, dafür zu leben, wofür jene gestorben waren und die Treue nun im Leben zu bewähren, die jene mit dem Tode besiegelt hatten!
(Anmerkung: *Hier beginnt der von mir angestrebte Abschnitt, dem ich eingangs den Titel „Brief an die nichtjüdischen Männer“ gegeben habe. Nichts für Feministen? Rabbiner Hirsch hat wohl dabei auch an Ruth, die Moabiterin gedacht. Da waren auch die Frauen ausgenommen. Hier wird das Zeitalter sichtbar, in dem das christlich geprägte Abendland das Geheimnis des Lebens im Gesetz Gottes verkannt und als Feindbild Nr. 1 und damit auch die Juden stets bekämpft hat. Entgegen dem Gesetzt Gottes und der damit angeprangerten Gesetzlichkeit begann eine Inflation von Gesetzen, durch Mehrheitsbildungen erlassen, mit dem man die Welt von dem Schöpfer des Himmels und der Erden und damit von dem Erlöser Israels befreien wollte! Bis hierher sprach Rabbiner Hirsch nur im jüdischen Kreise. Jetzt wird sichtbar, dass er auch einen ganz anderen Kreis ansprechen konnte!)
Aber auch ihr, nichtjüdische Männer, die ihr wieder* im Rat der Völker das Geschick der Juden abgewogen und erwogen habt, oder abzuwägen und zu erwägen im Begriff steht, wie viel von dem Recht, dem einen unteilbaren, für keine oder für alle heiligen Rechte, für den Juden zur Geltung kommen solle, die ihr das Heil der Staaten damit zu gründen vermeint, irgendwelche Genossen des Staates aus dem einen, für alle anderen gültigen Recht aus zu schließen – ehe ihr wiederum die schwarze – oder graue – Kugel in die Urne des jüdischen Geschicks legt, richtet euer Auge auf jene Zeiten, die wir eben genannt haben! Da ist keiner unter euch, dem nicht das Blut stocken würde beim Gedächtnis der Greuel, die eure Väter an den Juden ihrer Zeit sich erlaubt haben. Da ist keiner unter euch, der je teilhaben möchte an der Wiederkehr solcher Greuel. Und doch – nicht der, der dem Geächteten den Dolch in die Brust stößt, hat ihn getötet, sondern der, der über den Unschuldigen die Acht ausgesprochen hat!
Meint ihr, es habe in jenen alten dunklen Zeiten keine Edlen unter euren Vätern gegeben, die, wie ihr, jene verübten Greuel aus vollem Herzen verdammten, deren Blut wie das eurige bei dem Angstgeschrei der erwürgten Kinder und Säuglinge erstarrte? Die Schriften, die uns aus jenen Zeiten überkommen sind, vergessen es nicht, dankbar der nichtjüdischen Edlen zu gedenken, die die armen Schlachtopfer des Wahnes gern gerettet hätten. Aber sie vermochten es nicht – weil sie diese Schlachtopfer längst zuvor im Leben aus dem Genuss des allgemeinen Rechts gestrichen hatten und nun der entzügelten Leidenschaft nicht zu sagen vermochten: bis hierher und nicht weiter! (Anm.: In der Holocaust-Gedenkstätte Jad WaSchem in Jerusalem wird den Gerechten aus den Nationen ein würdiges Andenken erhalten, die für Juden ihr Leben riskiertern.)
Kein Gesetz hat es in seiner Macht, das Recht bis zu einem gewissen Grad zu versagen, und dem weiterschreitenden Unrecht (zugleich) mit Erfolg entgegenzutreten. Nehmt irgendwelchen Menschen und erklärt ihn – sei’s auch aus der wohlmeinendsten Absicht – irgendeines Teils des einen, unteilbaren Rechts unwürdig und ihr habt ihn damit wider euren Willen und eure Absicht der Leidenschaft und dem Wahn im Voraus als einen Gegenstand bezeichnet, auf den sich ihre Wut straflos entladen dürfe.
Daran denkt und vergesst auch nicht, dass der trostlose Zustand der jüdischen Vergangenheit sich auch nicht auf einmal erzeugt hat. Aber die erste Parzelle eines, an sich vielleicht wenig bedeutenden Rechtgenusses, die man versagte, stellte den Juden als „Ausnahme“ hin, der man nicht alles Recht schulde – und hatte somit den Grund zu allem Folgenden gelegt. Oder meint ihr etwa, die „Aufklärung“ der Zeit bürge für nimmer Wiederkehr solchen entfesselten Fanatismus? Seht euch um – seht die Zeichen der Zeit – und seid gewarnt! (Anm.: Rabbiner Hirsch hat ja von dem Greuel Luthers schon gewusst, aber nicht, wie die Nazis das umsetzen würden!)
Wir aber, wie auch der Gott der Zeiten über uns gebieten möge, von der verlorenen, von der verliehenen, von der versagten „Sichel“ wollen wir immer zur „Tora“ zählen, wollen an dem einen einzigen, durch allen Zeitwechsel und alle Meinungswirren sicher und siegreich leitenden Grundsatz festhalten, dass dem jüdischen Geschick wie dem jüdischen Leben kein anderer Boden gefunden und verheißen werden könne, als die mit immer wachsender Treue zu erfüllende Lösung des von Gott verliehenen Gesetzes.
Wir wollen festhalten daran, dass auch die „Sichel“ für uns den Wert verlöre, wenn wir nur mit Verlust der Tora sie zu erkaufen, mit Verletzung der Tora sie zu schwingen vermöchten, und dass wir nur dann mit der einen Hand die Sichel ergreifen dürften, wenn wir umso fester mit der anderen die Tora umarmen würden – wollen diesem Grundsatz gemäß in uns und unseren Kinder den Sefira-Geist wecken, in der Freiheit und im Leben also jene Tora-Treue zu bewähren, wie sie die Väter glänzend im Druck und im Tod bewährt haben, und wollen dann vertrauend der Zeit entgegen harren, wo Gott einst wieder auf dem ureigenen Acker uns die Sichel in die Hand geben könne, überzeugt: dass wir dann nicht wieder mit dem Anfang der Sichel aufhören werden, Juden zu sein, sondern dann erst recht beginnen werden, zu Seiner Tora hin strebend zu zählen, die Tage und die Wochen.
Nachwort: Damit gibt Rabbiner Hirsch der Welt zu verstehen, dass sich Israel, als 8. Schöpfungswerk, auch seiner Verantwortung unter allen Völkern bewusst ist. Drei Dimensionen enthalten Lot und Waage, siehe Darstellung:
OmerzählenZählen des Omer – 3. Moses 23,15 + 16. Haben wir es eben bewusst erkannt, dass die Beraubung eines kleinen Rechtes, das ja bereits eine Form des Diebstahls ist, in der Folge zum Mord führen kann?
Auf der zweiten Tafel des göttlichen Gesetzes in Moses Händen steht der Mord in der Reihenfolge vor dem Diebstahl. Was Jahrzehnte später von den Nazis unverhohlen für ein Diebstahl an Israel begangen wurde, endete nicht nur mit den Enteignungen sondern im Völkermord. Was hat der Dieb für ein Interesse, den von ihm Bestohlenen zu beseitigen?
Ist Ihnen auch aufgefallen, dass Rabbiner Hirsch hier nur davon ausgeht, was für Folgen es hat, wenn unter öffentlich eingeführten „Rechten“ mit ausgegrenzten Kreisen „Ausnahmen“ gemacht werden, die bereits zum Tod der Benachteiligten führen können?
Es waren Zeiten, in denen leider ein großer Teil der Juden bereits nicht mehr aufschauen und den Horizont der Demokratisierungswelle überblicken konnte. Wie hätte Rabbiner Hirsch sie noch erreichen können, wenn er ihnen den König David als Vorbild hingestellt hätte, dem der Gott Israels das zukünftige Königreich zugesprochen hat, das kein Ende haben wird?
Was hat den König David ausgezeichnet, dass ihm diese, die ganze Welt überragende Bedeutung, zugesprochen wurde? Er hat es als König und als Mensch abgelehnt, Gesetze selbst zu machen. Er hat es als seine Schuldigkeit erkannt, alle Rechtssachen nach dem ewig gültigen und unveränderbaren Gesetzt des Gottes Israels zu entscheiden. Das wird der ganzen Welt verständlich werden, wenn der dritte Tempel in Jerusalem eingeweiht wird.
Dann wird auch sichtbar, dass bei den „Demokratisierungsprozessen“, die Rabbiner Hirsch miterlebte, und nach seinen Hinweisen, wie auch bei viel früheren Rechtsverordnungen Juden durch Beraubung zunächst klein erscheinender Rechte schließlich in den Tod getrieben wurden. Die „Vergangenheits-Bewältigung“ nach dem zweiten Weltkrieg hat sich auch nur im Rahmen dieses Rechtsverständnisses bewegt, an das Rabbiner Hirsch hier bei nichtjüdischen Männern appelliert.
Wer sieht aber die Unendlichkeit in der Beraubung Israels in der theologischen Kriminalität, mit der man Israel das Ewige Gesetz Gottes streitig gemacht hat? Steht da nicht die ganze Welt besonders in der gerade laufenden „Luther-Dekade“ Israel gegenüber wie der Kain dem Abel?
Nun ein Hinweis für die Benutzer des Hawdala-Kalenders: Besonders in den Omer-Tagen lohnt es sich, den kleinen Tagesreiter täglich weiter zu setzen.
So, wie man vor dem täglichen Sefirat HaOmer den König der Welt auch für das Gebot des Omerzählens preist, spricht man nach der täglichen Zählung folgenden Segensspruch:
„Der Barmherzige, Er möge den Dienst des Heiligtums an Seinen Ort zurückbringen. Sei es der Wille vor Dir, Gott unser Gott, und unserer Väter Gott, dass der Tempel bald in unseren Tagen gebaut werde, und gib unser Anteil an Deiner Lehre, dass wir dort Dir in Ehrfurcht dienen wie in den Tagen der Vergangenheit und den früheren Jahren.“ Übers.: Rabbiner S. R. Hirsch

Schalom al Israel! Wer zählt mit Israel auf die Tora? Frieden für Israel!


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