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NS-DOK Interview zum Thema HakenKreuz Karneval und Kirche

Alle Achtung: an die Kölner Bürger und an das NS DOK Köln für die Verlängerung der beherzt umgesetzten Sonderausstellung „Kölle Alaaf unterm Hakenkreuz – Karneval zwischen Unterhaltung und Propaganda“! Wer aus Aachen, Bonn, Düsseldorf und Mainz oder vielleicht auch Berlin, Dresden, Frankfurt, Hamburg oder München diese bemerkenswerte Ausstellung noch nicht gesehen hat, erhält dazu jetzt die zusätzliche Gelegenheit bis zum 1. April 2012.

 

God’s Sabbath International (GSI): Der Dank für die sehr zu begrüßende Ausstellungsverlängerung gilt dem NS–Dokumentationszentrum der Stadt Köln und vor allem Ihnen, Herr Dr. Müller, als dem Kurator dieser Sonderausstellung. Was hat Sie – ganz persönlich – zu dieser Sonderausstellung bewogen, welche Ziele, Vorstellungen, vielleicht sogar Visionen? Und was hat Sie ermutigt, diese Sonderausstellung sogar noch um einen Monat zu verlängern?

Dr. Jürgen Müller:

Mir persönlich liegt es am Herzen, auch Ausstellungen aus der Alltagskultur im NS-Dokumentationszentrum zu präsentieren. Der Karneval ist als ein Herzstück der kölschen Seele und des kölschen Selbstverständnisses dafür besonders geeignet. Die Ausstellung zeigt in eindringlicher Form, wie Kulturtraditionen überformt und instrumentalisiert wurden und das Alltagsleben von der nationalsozialistischen Propaganda durchdrungen wurde. Die große Besuchernachfrage hat uns dazu bewogen, die Ausstellung um einen Monat zu verlängern. Jetzt können alle, die während des närrischen Treibens zu beschäftigt waren, die Ausstellung in Ruhe besuchen. Sie bietet einen allgemeinen Rückblick auf die Kölner Kultur der 1920er und 1930er Jahre.

GSI: Die erste Ausstellungstafel schildert die Anfänge des bürgerlichen Karnevals in den frühen 1820er Jahren, ohne jedoch mit einem einzigen Wort die kirchliche Urheberschaft an ihrer „Frohsinns-Schöpfung“ und die mit der Fastnacht verfolgten perfiden Absichten der Kirche zu benennen – um in diesem Kontext nur ein Stichwort zu geben sei hier → Karneval versus Purim genannt! Lagen Ihnen hierüber keine Erkenntnisse vor oder darf auch im beginnenden 21. Jahrhundert darüber im Bistum Köln noch nicht öffentlich gesprochen werden?

Dr. Jürgen Müller:
Auf den beiden einführenden Tafeln zur Ausstellung wurden gut 120 Jahre Geschichte des Karnevals zusammengefasst. Wir haben uns in der Darstellung auf jene Aspekte konzentriert, die für das Verständnis der Entwicklungen während der NS-Zeit zentral waren. Dazu gehört in erster Linie, den Karneval als bürgerliches Fest zu präsentieren. Für die Entscheidung, antisemitische Motivwagen im Rosenmontagszug zu zeigen oder – wie in den Jahren 1934 und 1935 bewusst Vorschläge zu antisemitischen Wagen nicht umzusetzen – können christliche Hintergründe anhand der Quellen nicht belegt werden. Überliefert sind taktische Überlegungen zur Förderung der Wirtschaft und des Tourismus.

GSI: Dass es der deutsche „Reformator“ Martin Luther war, der mit (über 400 Jahre hinweg) von deutschen Kanzeln gepredigten Hetztiraden wie → „Brennt ihre Synagogen nieder, damit Gott sehe, dass wir Christen seien“ den Holocaust als religiöse deutsche Pflicht erst möglich machte, ist nur wenigen Kölnern und Deutschen allgemein bekannt. Um eben diese Tatsache aber aus dem Weltbewusstsein auszulöschen, wurden Luthers diesbezüglichen Bücher von den Amerikanern vernichtet, besonders aber um ein Überschwappen „Luthers wahren Geistes“ auf die fast rein-lutherischen USA zu verhindern. Heute lässt die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) in Zusammenarbeit mit dem Lutherischen Weltbund den geistigen Brandstifter des Holocausts wieder auferstehen und ehrt sein schandbares Andenken sogar mit einem 10 Jahre langen Volksfest, der → Luther-Dekade / Lutherdekade. Können Sie sich eine Sonderausstellung im EL-DE-Haus, zu diesem reinsten Holocaust-Thema überhaupt, vorstellen, ja wäre dies nicht geradezu DIE Herausforderung an NS DOK um zu verhindern, dass ein solcher Vernichtungsgeist erneut von Deutschlands Bischöfen aus – den offiziellen Verkünder der Lutherdekade, Bischof Wolfgang Huber, hatte Kanzlerin Angela Merkel am Karnevalssonntag sogar zum Bundespräsidenten vorgeschlagen – in die ganze Welt strömt?

Dr. Jürgen Müller:
Die Haltung der Religionsgemeinschaften zum NS-Regime wird in unserer Dauerausstellung dargestellt. Eine ausführliche Darstellung der christlichen Religionen, zumal auch mit einem Fokus auf Köln und das Rheinland, steht in der Tat noch aus. Eine Umsetzung dieses durchaus interessanten Forschungsvorhabens ist allerdings derzeit nicht abzusehen.

Das Interview mit Herrn Dr. Jürgen Müller wurde von Eric Martienssen geführt. Bitte beachten Sie auch den Artikel aus dem Jahr 2009: Interview Dr. Barbara Becker-Jákli, NS DOK Köln, zur Ausstellung JÜDISCHES LEBEN IN KÖLN 1918-45


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2 Kommentare to “NS-DOK Interview zum Thema HakenKreuz Karneval und Kirche”

  1. […] S. dazu auch → NS-DOK Interview zum Thema HakenKreuz Karneval und Kirche. […]

  2. […] Kristallnacht: man feierte in Luthers Geburtstag – GSI Aktuelles vom 3.11.2011 1938 – Indem die demokratisch gewählte deutsche Regierung Martin Luthers Geburtstag (10. November) zur Reichskristallnacht machte, konnte sie sich sicher sein, mit diesem “Hineinfeiern” alle deutschen Lutheraner hinter sich zu einen, die gesamte Evangelische Kirche. Und heute noch feiern diese deutschen evangelischen Christen, sogar Menschen bei denen man Verstand und Geist vermutet hätte, diesen einen der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte wieder: Die Lutherdekade – NS-Antisemitismus der Kirche heute ! […]