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Schabbat Ki Teze Lesungen und Kommentar

5. Mose 21,10 – 25,19; Jesaja 54,1 – 10
Auszüge des Kommentars von Michael Schneider, Jerusalem

    Vorab: Wir befinden uns im Monat Elul, dem letzten Monat im jüdischen Kalender.

[s. dazu auch den GSI-Artikel → Sehnsucht auf Dritten Tempel und Messias erblüht].

    Der Selichot-Monat, in dem der Jude von Mensch und Gott Vergebung erbittet. Sein Herz wird auf den Gerichtstag, Rosch Haschana (diesmal am Vorabend des 29. September), vorbereitet. Der Elul-Monat ist eine Zeit – laut Rabbinern – von Neuorientierung und Einüben von neuen Gewohnheiten in deinem Leben.
    Ich hörte vor einer Woche Rabbiner Schlesinger im Radio sprechen., Er sprach über „Wenn der Löwe brüllt, hat man Angst“. Das muss aber nicht sein! Denn ein Löwe im Käfig kann dem Menschen anstelle Furcht doch Freude schenken. Ganz anders, wenn Du einem Löwen im Freien begegnest.
    Löwe heißt auf Hebräisch „ Arie“, woraus wiederum – laut des Rabbis – die Anfangsbuchstaben für Elul (alef), Rosch Haschana (resch), Jom Kippur (jud) und Hoshana Raba (he) stammen – der Gerichtszeit, in der wir uns derzeit befinden.
    Das bedeutet, wenn wir durch den Glauben einen ‚Schutzwall’ besitzen, dann können wir mit Freude in diese Tage gehen – ohne Furcht.

Kommentar:
Unsere Parascha (Wochenabschnitt KI TEZE – Wenn du [in den Krieg] ziehst“:) spricht von über 70 Rechtsordnungen des Verhaltens – besonders gegenüber dem Nächsten, wie aber auch zwischen Mann und Frau. Man könnte über jedes juristische Thema, das erstaunend kurz aber alles beinhaltend formuliert ist, Bücher schreiben.
In meinen Reden vergleiche ich die Gesetzgebungen oft mit Verkehrsschildern auf den Straßen: Sie sind lebenswichtig und sorgen für Ordnung, die uns heil zum gewünschten Ort bringen soll. So auch die Gebote Gottes.

Wir lesen darüber, wie man mit einer Kriegsgefangenen, in die man sich verliebt hat, umgehen soll, den klassischen Fall des Erstgeborenenrechts, oder das Verhalten, wenn man zwei Frauen hat und die eine liebt und die andere hasst.
Ja, mehrere Frauen waren zu biblischen Zeiten üblich. Man findet dies auch heute noch im Orient unter den Beduinen – hier in Israel! (Während meines Armeedienstes, als ich bei Straßenkontrollen die dort lebenden Araber befragte, sagte mir ein Beduine, er habe 23 Kinder. Da musste ich ihn einfach fragen, von wie vielen Frauen? Die Antwort war: 3!)
So kommt es dann auch vor, dass eine geliebt wird und die andere weniger. Dann taucht der Streit um das Erstgeborenenrecht auf – und Gott beschloss: der erste Sohn ist der Berechtigte, egal ob er von der Geliebten oder von der Gehassten geboren wurde! Das ist göttliche Gerechtigkeit! Faszinierend ist, dass dieses ganze umfangreiche Thema mit Schlussfolgerung in nur zwei Versen behandelt wird (21,15-17)

Anschliessend lesen wir von dem störrischen und widerspenstigen Sohn bzw. Kind und Gottes strenger Strafe (18-21), worauf der weise König Salomo in „Sprüche“ viele Ratschläge gibt. Die Propheten jedoch sahen eine gegen die Eltern sehr respektlose Ära in der Endzeit voraus, wie in Jesaja 30,1 und Jeremia 5,23 zu lesen.

Dann begegnen wir zum ersten Mal der Hinrichtung durch Kreuzigung – noch am selben Tag soll diese am Baum hängende Leiche herunter genommen und beerdigt werden (22-23).

Kapitel 22 setzt die Gesetzgebung fort. Dort lesen wir u.a., dass der Mann keine weiblichen Kleider anziehen soll – es ist ein Greuel vor Gott. Wie weit hat sich hier die Welt schon von diesem Gebot entfernt?

Ebenso lesen wir von Gottes väterlicher Sorge um den Schutz des Menschen, bis hin ins Kleinste: Das Errichten von Geländern/Brüstungen/Balustraden ringsherum auf dem Dach wurde zum Gebot (zum Großteil werden bis heute die Häuser in Israel und im Nahost derart gebaut, es gibt nur wenige schräge Ziegeldächer)!

Das Kapitel weist auf die Wichtigkeit des Bewahrens der ‘Jungfrauen Israels’ hin. Auf Ungehorsam folgten immer heftige Strafen – bis hin zur Steinigung – und die Ausführungen endeten immer mit den Worten: ‘Und du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen‘.

(Auch) Fälle von Ehebruch, Vergewaltigung u.v.m. werden angesprochen. Wir wissen, dass viele dieser biblischen Ge- und Verbote später zur Grundlage des bürgerlichen Gesetzes wurden, die bis heute in Gerichtshöfen – international – angewandt werden und fundamental sind.

Kapitel 23 spricht u.a. von harten Urteilen über die Moabiter und Ammoniter – über Generationen hinweg –, und das ‘nur’, weil sie damals beim Auszug den hungrigen und erschöpften Kindern Israels nicht ‘mit Brot und Wasser entgegenkamen’. (23,5). Das sollte uns eine Lehre sein! Übrigens, Ruth die Moabiterin, die sich dem Volk Israel anschloss,

. . . . . . . . Ergänzung der GSI-Redaktion – unser “Graues Kasterl” . . . . . . . . .

siehe auch GSI-Artikel über den Jüdischen Kalender → Hawdala-Kalender 5772

Stichpunkte der Paraschat Ki Teze im Hawdala-Kalender:
Verhaltensgebote für div. Fälle Schwere Sachen ins Heiligtum. Königsrecht: Heirat einer Gefangenen. Fundsachen. Vogelnest. Vermischungen. Beischlaf. Gründe für Nichtaufnahme in Gemeinde. Scheidungen und andere Ehe. Schwagerpflicht. Rechtes Gewicht und Maß – zum Segen und leben. Amalek auslöschen ! Gottes Gericht und Zorn über Israel nur kurz – ewige Gnade – Friedensbund >Psalm 32

gehörte zu der ersten Generation nach den zehn verfluchten Generationen, nachdem Bileam „den Gott nicht hören wollte“ (23,6)!!!

Im Verlauf folgen weitere Gesetze, wie z. B. das Verbot von Hurerei im Volk Gottes (23,18) und von Volksgenossen keine Zinsen zu verlangen.
Das Gebot in Vers 25 ist bis heute in Israel gültig: Beim Vorbeigehen an einer Plantage ist es erlaubt, bis zur Sättigung Frucht oder Gemüse zu pflücken – doch Tüten und Kartons zu füllen ist verboten.

In Kapitel 24 finden wir die verschiedenen Fälle, die zu Ehescheidungen führen – wie z. B. Fremdgehen –, oder auch die Pflicht, im ersten Ehejahr Zuhause zu bleiben, d.h. nicht in den Wehrdienst eingezogen zu werden, um ‘seine Frau zu erfreuen’.
Auch ist die Rede von den schwächeren Schichten der Gesellschaft: den Angestellten, den Armen, den Fremden, den Waisen und den Witwen. Sie sollen bei der Arbeit gleichberechtigt und fair behandelt werden, d.h. pünktlich bezahlt und auch bei Gericht gerecht und unvoreingenommen.

„Nicht sollen Väter um der Söhne willen getötet werden und Söhne sollen nicht um der Väter willen getötet werden; sie sollen jeder für seine [eigene] Sünde getötet werden“ lesen wir in Vers 16, was später vom Propheten Hesekiel bestätigt und ausführlich beschrieben wird (Kap. 18). Für manche Kinder von Tätern ist das vielleicht auch eine Antwort auf quälende Schuldgefühle – wie für Nazi-Nachkommen in der Nachkriegszeit.

Kapitel 25 spricht von der Wichtigkeit der Fortsetzung deines Geschlechts. Man nannte es ‘Erlösen des Blutes deines Bruders’. Die Frau eines Mannes, der keine Söhne hatte und starb, sollte dessen Bruder, um die ‘Fortsetzung seines Bruders’ zu retten, heiraten. All das, um ‘seinen Namen in Israel nicht auszulöschen’. Es gab rechtliche Möglichkeiten, aber auch faule: Nehme man da nur die Geschichte der Töchter Lots, oder Tamar mit ihrem Schwiegervater Judah.. aber Ruth, die Moabiterin, löste dies mit Boas in biblischem Sinn,– was Gott gefiel. (Hier könnte man durch Ruths Tat das Aufheben des Fluches Moabs sehen – einer der Unzuchtsnachkommen Lots, von dem wir vorhin lasen!)

Auch finden wir zwei Sachor – Gedenke / Vergiss nicht!“-Gebote (s.u. Kommentar von Israel Yaoz: KADDISCH) in unserer Parascha. In Kapitel 24: „Gedenke Miriam…“ ihrer Überheblichkeit über Mose sowie ihrer Strafe von Aussatz für eine Woche.
In Kapitel 25 folgt eine zweite Abrechnung mit dem Erzfeind Israels, dem Amalekiter, der das gerade befreite Volk als erster bekämpfte:

Man ‘soll die Erinnerung an Amalek unter dem Himmel auslöschen. Vergiss es nicht! Das ist Gottes Befehl gewesen, der bis heute immer noch nicht ganz erfüllt ist!
König Saul hatte die Chance dazu, verschonte aber das Leben des Königs Agag und der besten Schafe (1. Samuel 15,8-9). D. h. dieses Gebot ist noch nicht erfüllt. Die ganze jüdische Geschichte hindurch tauchte der Erzfeind Amalek immer wieder auf. So auch Haman, ein Nachkomme Agags, ein Amalekiter in der Esther-Geschichte, der beinahe das ganze jüdische Volk vernichtet hätte. Man sollte die Gebote Gottes wirklich ernst nehmen!

In allem finden wir unseren Trost in den Versen unseres Prophetenabschnittes in Jesaja 54:
„Einen kleinen Augenblick habe ich dich (Israel) verlassen, aber mit großem Erbarmen werde ich dich sammeln. Im aufwallenden Zorn habe ich einen Augenblick mein Angesicht vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade werde ich mich über dich erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser.“
Wenn diese knapp 2000 Jahre in den Augen Gottes ein „Augenblick“ sind, wie lang ist dann das ewige Leben mit Gott?
„Denn die Berge mögen weichen und die Hügel wanken, aber meine Gnade wird nicht von dir (Israel) weichen und mein Friedensbund nicht wanken, spricht der HERR, dein Erbarmer.“
Halleluja!

Schabbat Schalom


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1 Kommentar to “Schabbat Ki Teze Lesungen und Kommentar”

  1.  

    Als Laie und mit aller Zurückhaltung, erlaube ich mir eine Zusammenfassung zu formulieren, von einem Artikel von Avigdor Shinan, Professor an der Jerusalem Universitaet; erschienen auf Hebräisch anno 2009, (ISBN978-965-13-2082-8) über das wichtigste Gebet im Judentum, das Kaddisch.

    Die Entwicklungsgeschichte von dem meist bekannten Gebet der Juden”: Auch die allermeisten nichtgläubigen Juden sprechen dieses Gebet, auch wenn ihnen der Inhalt oft unverständlich ist: Kaddisch ist das Gebet für Verstorbene.

    Es ist in der aramäischen Sprache verfasst; sonst sind alle Gebete, sei es in der Synagoge, sei es bei Mahlzeiten, Beschneidung, Heirat usw., alle in gutem, sauberen Hebräisch verfasst; nur dieses nicht. Das Gebet fängt an mit: “Möge Sein Name erhaben und geheiligt sein”.

    Jeder weiss, wer damit gemeint ist, aber nicht ein einziges Mal wird der Heilige Name erwähnt. Nicht einmal wird der Eigennamen Gottes erwähnt, obwohl in der Bibel, im täglichen Gebet, in Segenssprüchen jeglicher Art dieser heilige Gottesnamen als “Adonai” (=mein Herr) ausgesprochen wird!

    Alle Gebete im Gebetsbuch haben irgendeine Beziehung zu biblischen Ereignissen oder biblischen Vorstellungen; nicht aber dieses Gebet.

    Im Kaddisch steht kein Wort über den Verstorbenen, über Tod, über Schmerz, Sehnsucht oder Leid; es ist eine einzige Verherrlichung von Gottes Namen und Rechtfertigung seiner Entscheidungen, ob sie über uns Gutes oder Böses bringen.

    Auch in der Mischnah, der im zweiten Jahrhundert niedergeschriebenen “Mündlichen Lehre”, gibt es nicht den geringsten Hinweis auf das, was sich zum Kaddisch entwickelt hat.

    Überraschenderweise findet Prof. Shinan einen ersten Anhaltspunkt bei der Bergrede: “Du aber geh, wenn du betest, geh in dein Kämmerlein und schliess deine Tür zu und bete im Verborgenen zu deinem Vater; und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird es dir vergelten……Ihr nun sollt so beten: Abunah debaschamajah, jitkadasch Schimchah = (“Dein Name werde geheiligt”). Zweifellos hat Jesus seinen galliläischen Jüngern dieses Gebet in der aramäischen Sprache gelehrt. Mit anderen Worten: ein inniges und höchst persönliches Gebet zwischen dem Betenden und seinem Schöpfer. Und gerade weil es so persönlich gehalten war, dürfte es unter Gläubigen in verschiedenen Variationen ausgesprochen sein; und “weil es keine feste Form hatte, und nicht ein Gemeinschaftsgebet war, nicht in Synagogen, und nicht in religiösen Versammlungen, bedurfte es keiner Vermeldung in der Mischnah.”

    Ich möchte hier eine längere und komplizierte Entwicklungsgeschichte übergehen, um zu dem zu kommen, was es heute ist: Das verpflichtete Gebet der Trauernden um nächste Verwandte, Eltern, Kinder usw., als Andenken und für ihr Seelenheil.

    Der entgültige Auslöser als Trauergebet waren die grausamen Verfolgungen im deutschen Bereich während der Kreuzritterzeit, Progrome, Folterungen, Vergewaltigungen, also traumatische Erlebnisse, die einen Ausweg fanden in dem Gebet, das den Gottesnamen heiligt und Seine unerklärbaren Wege bedingungslos rechtfertigt.

    Ein gewisser Einfluss der christlichen Umwelt, so wie Gedenkfeier, Kerzen anzünden für die Seele des Verstorbenen, dürften mitgespielt haben.

    Mehr noch als die “fremden” (aramäischen) Worte, mehr noch als der theologische Sinn des Gebets, ist da ein unterbewusstes Gefühl, sich vereingt zu wissen, in dieser schweren Stunde, mit der Gemeinschaft Israel, mit seiner Heilsgeschichte, mit seiner Leidensgeschichte und mit seiner kollekiven Hoffnung.

    Auch wenn das Gebet nur gemurmelt wird, durfte es so einen tröstlichen Effekt auf das Gemüt eines Trauernden haben:
    (Israel Yaoz)

    Jitgadal wejitkadash shmei rabbah
    Möge erhaben sein Sein großer Name
    Be`olmah di berah chir`utei
    in der Welt, die Er nach Seinem Willen geschaffen hat,
    we`jamlich malchutei
    und Sein Königreich herrschen
    we`jatsmach purkaneih
    und Seine Erlösung fördern
    we`jekarev meshichei
    und näher bringen Seinen Gesalbten
    becha`jeichon u`we`jomeichon
    (bald) in eurem Leben und euren Tagen
    u`we`chajei de`chol beth jisrael
    und in den Lebenstagen von ganz Israel
    be`agalah u`wisman kariv
    schnell und bald
    we`imru Amen
    und saget (darauf): Amen.

    Je`hei schmei rabbah me`varach
    Möge Sein grosser Name gesegnet sein
    Le`olam u`le`olmei olmajah
    auf ewig und immer
    Jitbarach we`jischtabach
    gesegnet und gelobt
    We`jitpa`ar we`jitromam
    verherrlicht und erhaben
    We`jitnasseh we`jithadar
    erhaben und verherrlicht
    We`jita`leh we`jithallal
    hoch gehalten und gelobt
    Shmei de`kudshah be`rich hu
    Sein Name, des Geheiligten, gesegnet sei Er
    Le`elah min kol birchatah
    mehr als alle Lobpreisungen
    We`shiratah
    und Lieder
    Tisch`be`chatah we`nechematah
    Lobeslieder und Trostworte
    Da`amiran be`olmah
    die auf Erden gesprochen werden
    We`imru Amen
    und saget (darauf) Amen.

    Je`hei shlamah rabbah min shmajah
    Es möge viel Frieden sein, vom Himmel
    We`chajim aleenu we`al kol jisrael
    und Leben für uns und ganz Israel
    We`imru amen
    und saget (darauf) Amen.

    O`sseh shalom bimromav
    der Frieden schafft in Seinen Höhen
    Hu ja`asseh shalom alenu
    Er möge uns Frieden schenken
    We`al kol jisrael
    und dem ganzen (Volk) Israel
    We`imru Amen
    und saget (darauf) Amen!