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Verheißungen im Judentum STAAT ISRAEL 4

Fortsetzung des Artikels von Israel Yaoz

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Natürlich ist im jetzigen Staat Israel – diesem jüdisch geprägten Staat – das oben genannte Ziel, die Erhaltung des Judentums, vorläufig gesichert. Dabei aber tauchen viele Fragen auf, die die Identität des Staates selbst berühren. Es ist kein Zufall, dass sich viele Debatten in der Knesset um diese Probleme drehen: wer ist Jude, wie soll sich das öffentliche Leben an jüdischen Feiertagen gestalten, soll die Heirat- und Scheidungsprozedur weiterhin nur in Händen der religiösen Autoritäten bleiben, (Personenstandsrecht) nur koscheres Essen bei der nationalen Fluggesellschaft El Al, öffentlicher Verkehr am Schabbat, usw…

Für den gläubigen zionistischen Juden sind diese Fragen überhaupt kein Problem. Sein Glaube, seine Verheißung, ist ja verknüpft mit diesem Land. Der Talmud sagt: ”Das Wohnen im Lande Israel wiegt gegen alle anderen Gebote auf”.
Der praktische Lebensweg den er geht, ist die gelungene Synthese zwischen dem, was er glaubt, und dem, was er tut. Aber die gläubigen, die gesetzestreuen Juden, bilden nur etwa 25% der jüdischen Bevölkerung Israels.

Aber was mit den nicht-gesetzestreuen Juden in Israel?

Die Antwort auf diese Frage kann nur subjektiv sein. Das Judentum ist ein gemeinsames Kulturerbe, das Vieles umfasst:

  • eine gemeinsame Religion,
  • eine gemeinsame Geschichte,
  • ein gemeinsamer Leidensweg (wie vielfältig sich diese Geschichte, dieser Leidensweg in verschiedenen Gegenden sich auch gestaltet hat),
  • eine gemeinsame Sprache (u.a. Jiddisch, Ladino, Judäo-arabisch),
  • eine gemeinsame soziologische Struktur (“ein Volk von Lumpenhändlern und Rothschilde”),
  • eine gemeinsame Moral, Psychologie, Literatur, Poesie, Witz, Tradition, Küche, Tabus

und andere Faktoren; die, wenn man diese alle zusammennimmt, eine ganze Welt beinhalten, eine jüdisch geprägte Welt.
Wenn man aus diesem Kulturgut nur den Faktor “Gesetzestreu” eliminiert, so bleiben doch alle anderen Faktoren weiterbestehen. Das, was bleibt, ist wichtig genug für die meisten Israelis als Erbgut; jedenfalls wichtiger als christliches, moslemisches oder buddhistisches Erbgut; wichtiger als französisches, deutsches oder chinesisches Erbe.

Ich wiederhole: Wenn also in der Gesamtheit der oben erwähnten Faktoren “Religion” für den gläubigen Juden eine beherrschende Rolle spielt, so ist sie beim atheistischen Juden gegen Null reduziert. Aber nach wie vor bleiben alle andere Komponente gültig und haben ihren Wert. Dieser Wert ist eine subjektive Angelegenheit. Es hat viel zu tun mit Milieu, Kinderstube und Erziehung; Werte sind nun einmal per Definition nicht rational und subjektiv. Für die Meisten der nicht-gesetzestreuen Israelis, genügend wichtig um dafür auf Vieles zu verzichten oder sogar Opfer zu bringen.

Zu den wichtigsten Bestandteilen dieser Werte gehört das oben so oft erwähnte Land Israel; eben so Jerusalem, die Klagemauer u.a. Zu diesen Werten gehört auch →Die Bibel (Fragen an Gott 2). In ihr findet der ungläubige Jude seinen “Goethe”, seinen “Karl den Grossen” seinen Kant und seinen Lessing. Sie ist Teil seiner Literatur, seiner Geschichte, seiner Poesie, Lyrik, Philosophie und Grammatik. Für den gläubigen Juden ist sie alles dies, aber darüber hinaus – und vor allem – das ewige Zeugnis der göttlichen Offenbarung.

Ist ein Psalm der Gott lobt, weniger Poesie, nur weil er von Gott handelt, und nicht von der Loreley? Ist Hiob weniger Philosophie als Kant, nur weil er die Wahrheit in Relation zu Gott sucht, und nicht in Relation zur Vernunft?

Deshalb könnte ein Israeli, ohne sich inkonsequent zu fühlen, den →Schabbat und die jüdischen Feiertage feiern, wenn er sie auch anders gestaltet als der Gläubige.
Er kann Psalmen bei Feierlichkeiten und Veranstaltungen vortragen lassen, auch wenn sie Gott besingen und nicht das “blonde Gretchen”. Er könnte auch am Freitagabend Kerzen anzünden, ohne dahinter einen von Gott geoffenbarten Willen zu suchen. Ja, er könnte sogar einen koscheren Haushalt führen, wenn dieses zu seinem subjektiven Werterlebnis beitragen würde.
Es gibt allerdings eine Reihe von Leuten in Israel (vor allem Jugendliche) die dieses Wertempfinden nicht (mehr) haben, und sich deshalb stolz “Israelis” nennen. “Wir sind keine Juden, wir sind Israelis!” Sie distanzieren sich damit gewollt von den Juden in der Welt, bewusst oder unbewusst auch von den negativen Assoziationen, die mit dieser Benennung für sie verbunden sind. Sie distanzieren sich damit aber auch von den jüdischen Werten. Wenn der Staat Israel nur solche Israelis hervorbringen würde, dann hätte er keine Existenzberechtigung als Judenstaat.
Wer braucht denn überhaupt noch einen zusätzlichen Staat – es gibt schon so Viele. Der Staat Israel ist nicht nur ein Zufluchtshafen für jüdische Flüchtlinge, sondern vor allem auch der Zufluchthafen für die oben erwähnte geistige Not um die Erhaltung des Judentums. Als Träger des jüdischen Kulturerbes hat Israel seine markanteste Existenzberechtigung.

In den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts war Rabbiner Cook, ein begeisterter Zionist, der Hauptrabbiner von dem, was damals Palästina hieß. Als er einst angesprochen wurde auf die Frage, wie er als gläubiger Jude theologisch damit umgehen kann, dass gerade die enthusiastischsten Pioniere des neuen Judenstaates, ungläubige, ja zum Teil atheistische Juden seien, antwortete er in etwa:

    “Als König Salomo den Tempel in Jerusalem baute, waren die Handwerker einfache Arbeiter; Steinmetzen und Zimmermänner. Sie erfüllten ihren Auftrag, den sie bekommen hatten. Vielleicht waren sie sich nicht einmal bewusst davon, dass sie ein Haus bauten, das der Sitz Gottes werden sollte, sie waren beteiligt am Bau des Allerheiligsten; sie durften sich nicht bewusst gewesen sein von der heiligen Arbeit, die sie verrichteten. Sie waren aber Werkzeuge Gottes; so sehe ich diese Handwerker in den neuen Siedlungen; ungewollt bauen sie mit, an dem was einst die Wohnstätte unseres Gottes sein soll.“

Eine berechtigte Frage wäre jetzt, wie sich solch eine Haltung vereinbaren lässt mit dem kosmopolitischen Geist unserer Epoche, mit den revolutionären Vorstellungen einer neuen Welt von Morgen, einer Welt ohne Grenzen und Begrenzungen. Wo ist unser Platz als Weltbürger. Die Frage ist nicht neu; sie wurde schon seit Anfang des Zionismus (→STAAT ISRAEL Teil 3) von den Zionisten selber gestellt; sie zu beantworten würde aber den Rahmen dieses Themas sprengen.


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1 Kommentar to “Verheißungen im Judentum STAAT ISRAEL 4”

  1. […] prüfend, ob sie die von Gott Bestimmte sei oder nicht (24,21). Wenn vor unseren Augen sich die Verheißung erfüllt, sollten wir über das skeptische Prüfen hinaus gelangen! Übrigens, auch Jakob und […]