cat-right

Miguel Freund, Rede 9.11.2009 in der Synagoge Köln zum 71. Jahrestag der Pogromnacht

Miguel Freund, Mitglied der Gemeindevertretung der Synagogengemeinde zu Köln,
stellv. Vorsitzender der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit

 

Miguel FreundSehr geehrte Herren Rabbiner,
sehr verehrter Herr Oberbürgermeister Roters,
sehr geehrter Herr Lehrer,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

wir haben es gehört: In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden in vielen Städten des „Deutschen Reichs“ jüdische Geschäfte zerstört, Synagogen in Brand gesetzt, jüdische Mitbürger geschlagen, verhaftet und in Konzentrationslager gebracht.

Auch in Köln wurden alle Synagogen, Hunderte von Geschäften und Wohnungen zerstört, Menschen misshandelt und verhaftet.

Wir erinnern heute an die Opfer, wie wir es jedes Jahr tun. Wir gedenken der Opfer und wollen unsere gemeinsame Haltung dokumentieren, dass jede Form von Rassismus nie wieder zur politischen Doktrin werden darf.

Aber gerade in diesem Jahr bietet der 9. November auch Anlass, über unsere Gedenkformen nachzudenken. Erreichen wir den Zweck, den wir neben der bloßen Erinnerung an die Opfer selbstverständlich miteinander wollen?

Viel wurde in den vergangenen Jahren über »die deutsche Schuld« geschrieben, zahllose Gedenkfeiern wurden abgehalten, wiederbelebt oder neu eingeführt. Politiker halten pathetische Reden, Schüler lesen das »Tagebuch der Anne Frank«, Schauspieler rezitieren vor Synagogen Paul Celans »Todesfuge«.

Fürwahr: Die deutsche Erinnerungspolitik ist als veritable Mischung aus Staatsakten, Symbolpolitik und Kunstgewerbe höchst lebendig. Die Deutschen klopfen sich schon seit Jahren auf die eigene Schulter und bescheinigen sich eine hervorragende Aufarbeitung des NS-Terrors.

Allerdings machen sich Tendenzen breit, die Erinnerung an die Pogromnacht in den Hintergrund zu rücken.

Zwei Beispiele will ich näher ausführen:

Scheinbar bleibt vor dem 9. November nur noch eine moralische Pflicht – dies suggerieren Medien und Öffentlichkeit immer nachdrücklicher — endlich das Schicksal jener Menschen in Erinnerung zu rufen, denen vermeintlich kaum gedenkpolitische Aufmerksamkeit zuteil wurde. Viel zu lange hätten jene Deutschen bitter schweigen müssen, deren Recht auf öffentliche Anhörung nun endlich eingefordert wird, nämlich: die deutschen Vertriebenen und die zivilen „deutschen Opfer“ der Bombardierung deutscher Städte.

Die Deutschen als Opfer ohne Stimme? In einem Kommentar für das evangelische Magazin „Zeitzeichen“ schreibt die hannoversche Landesbischöfin und gerade gewählte EKD-Vorsitzende Margot Käßmann über das Versagen von Gesellschaft und Kirche im nationalsozialistischen Deutschland.

Es gelte, Schuld zu bekennen und »gleichermaßen über eigenes erfahrenes Leid sprechen zu können«. Die Bischöfin im Wortlaut:
»Viele Flüchtlinge konnten ihre Geschichten nicht erzählen, sie wurden als Teil der deutschen Schuld gesehen und standen unter dem ständigen Verdacht des Revanchismus.«

In diese Stoßrichtung argumentiert auch der angesehene Historiker Arnulf Baring. So hält er mit Hinblick auf die Erinnerungsformen in Deutschland an den Zweiten Weltkrieg fest:
„Lange Zeit haben wir es nicht gewagt, unsere eigenen Toten [sic] zu betrauern. Wir haben um Russen, Juden, Sinti und Roma getrauert, aber nicht um unsere eigenen Mütter, Schwestern und Kinder“.

Baring gebraucht hier übrigens eine Sprache, die in seinem deutschen „Wir“ „die Juden“, die zwischen Aachen und Zwickau lebten, zu fremden Opfern werden lässt, die man angeblich zu lange betrauert habe. In dieser Logik gedankenloser Demokraten werden Juden posthum als Nicht-Deutsche ausgesondert.

Ich kann diese Haltung nicht nachvollziehen: Schließlich ist die »Vertreibung« seit Jahrzehnten zentrales Thema staatsoffizieller Erinnerungsinszenierungen – vom »Volkstrauertag« bis zum »Tag der Heimat« und findet auch ihren Niederschlag in allen Medien.

Nahezu völlig in Vergessenheit – um zu meinem zweiten Beispiel zu kommen – gerät die Erinnerung an die Pogromnacht über die verständliche und von mir geteilte Freude über den Fall der Mauer vor zwanzig Jahren.

Sicher:

Die Ausrufung der ersten Republik am 9. November 1918, Hitlers Marsch auf die Feldherrnhalle am 9. November 1923, das Gedenken an die Pogromnacht 1938 oder der Fall der Mauer am 9. November 1989 verführen dazu, von einem „deutschen Datum“ zu sprechen.

Aber darf dieses zufällige Datum dazu führen, das Gedenken an die Pogromnacht nahezu völlig zu verdrängen?

Die Serie des Kölner Stadt-Anzeiger „Mein 9. November“, in der über den Fall der Mauer massenhaft geschrieben wird, platziert dabei gleichzeitig das Erinnern an die Pogromnacht als Randnotiz.
In der heutigen Ausgabe habe ich keine Zeile zu dem Anlass gefunden, der uns heute Abend hier zusammenbringt. Und der Kölner Stadt-Anzeiger verhält sich da nicht wesentlich anders als die anderen Medien.

Ich frage: Müssen die Verantwortlichen ausgerechnet den Tag der Pressekonferenz von Herrn Schabowski zum Jubeltag erklären? Warum nicht den 3. Oktober 1990 als dem Tag, an dem die Deutsche Einheit vollzogen wurde, oder – wem dies zu formalistisch ist – der 9. Oktober 1989, also der Tag der ersten Montagsdemonstration (Leipzig) mit einer echten Massenbeteiligung?

Nein, meine Damen und Herren, es muss die Durchsetzung eines historischen Bewusstseins befürchtet werden, in dem die staatsterroristische Verfolgung, Deportation und Vernichtung des Judentums hinter der verständlichen Freude über den Fall der Mauer verblassen.

Dieser Entwicklung steht der weiterhin weitverbreitete Rassismus und Antisemitismus im „wiedervereinigten“ Deutschland gegenüber. Umfragen zu diesem Thema weisen nach wie vor auf hohe Ressentiments gegenüber Juden und Jüdinnen und nur geringe geschichtshistorische Kenntnisse zur Schoa hin.

So ärgerten sich nach einer Studie 64% der Befragten darüber, „dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden“, und fordern damit implizit einen Schlussstrich. Gleichzeitig stellt die Studie fest, dass Antisemitismus tief in der Mitte der Gesellschaft verankert ist und somit keineswegs ein Randphänomen darstellt.

Zugleich weisen Untersuchungen auf erschreckend geringe Geschichtskenntnisse vieler Schüler und Schülerinnen hin, die nichts mehr mit dem Namen Auschwitz oder Treblinka anzufangen wissen.

Wie tief noch immer antijüdische Reflexe verankert sind, konnte auch im christlich-jüdischen Dialog beobachtet werden.

Einen unrühmlichen Höhepunkt stellte in diesem Jahr die Debatte um den Holocaustleugner Richard Williamson dar, die durch die Rücknahme der Exkommunikation der Piusbruderschaft durch Papst Benedict XVI. ausgelöst wurde.

Unsere Gesellschaft hat sich frühzeitig geäußert und einen offenen Brief an den Papst geschrieben, in dem u.a. aufgeführt wurde:
„Fassungslos mussten wir nun Ihre Entscheidung erleben, die den christlich-jüdischen Dialog um Jahrzehnte zurückwirft. Nicht nur, dass mit der Pius-Bruderschaft unbelehrbar konservative Gegner des Zweiten Vatikanischen Konzils umarmt werden.

Sogar völlig inakzeptable und in Deutschland unter Strafe stehende Äußerungen eines führenden Exponenten dieser Bruderschaft über den Holocaust wurden bei Ihrer Entscheidung offenbar geringfügiger erachtet als das Ziel einer Einbeziehung dieser extrem konservativ-reaktionären Gemeinschaft.“

Wie sehr es offenbar beim Heiligen Stuhl an kontinuierlicher fruchtbarer Erinnerungsarbeit mangelt, stellte schon im letzten Jahr die erneuerte Karfreitagsfürbitte dar, in der wieder für die Juden gebetet werden solle, damit sie „Jesus Christus erkennen, den Heiland aller Menschen“.
Nicht nur der Zentralrat der Juden in Deutschland kritisierte diese Entwicklung zu Recht als eine Gefahr, die wieder an die christlich antijüdische Tradition anknüpft.

Und wie soll man sie denn auch anders interpretieren? Als Gedankenlosigkeit, als eine ahistorische, nicht ganz ernst zu nehmende Reminiszenz an überwunden geglaubte Zeiten? Bei einem Papst mit dieser intellektuellen Brillanz — Wohl kaum!

Die Gründe liegen tiefer. Es sind allesamt erschreckende Beispiele einer gesellschaftspolitischen Einstellung, deren bewusster und/oder unbewusster Kern offenbar in einem seit Jahrhunderten tief sitzenden antisemitischen Ressentiment zu suchen ist – womit zugleich gesagt ist, dass bei der konkreten Ausführung das Motiv niemandem persönlich unterstellt werden soll.

Aber darauf kommt es in der Gesamtschau auch gar nicht an.

Die Ebene der intellektuellen und ethischen Verwerfung liegt weit vor dem aktiven Tun. Sie ist in der Hybris des jeweiligen Alleinvertretungsanspruchs der letzten und ewigen Wahrheiten zu suchen, die ihre Repräsentanz in vom Menschen gemachten Dogmen und deren Ausführenden findet.

Die antijüdische Einstellung ist nicht nur, aber insbesondere in Deutschland latent vorhanden und abrufbar, weil sie offenbar derart tief verwurzelt ist, dass sie bei passender und unpassender Gelegenheit immer wieder zum Durchbruch kommt – wobei es eigentlich keine passende Gelegenheit geben kann.

Auch in Köln treffen wir die unterschiedlichen Formen antisemitischer Ressentiments und vor allem ein Verdrängen der Geschichte immer wieder an. Auch wenn es hier viele positive Beispiele für ein engagiertes Entgegentreten gegen die extreme Rechte und beachtliche zivilgesellschaftliche Formen gegen Rassismus und Antisemitismus gibt, wie etwa

– die erneuten Demonstrationen gegen Rechts im Mai dieses Jahres
oder
– die Gründung des Kölner Forums gegen Rassismus und Diskriminierung vor sechs Wochen

um nur zwei zu nennen,
fallen doch Entwicklungen auf, die zeigen, dass sich auch hier eine gefährliche Geschichtsvergessenheit breit macht.

An keinem Ort der Republik sind die Wurzeln jüdischer Geschichte so sichtbar wie in Köln. Das Dekret Kaiser Konstantins von 321 beweist, dass unsere Stadt ein einzigartiges historisches jüdisches Erbe birgt, ein Pfund, mit dem sie bislang und wie zu befürchten ist auch weiterhin viel zu wenig als selbstverständlicher Teil ihrer Historie gewuchert hat.
Insoweit, lieber Herr Oberbürgermeister, sollte die Frage nach einem Museum jüdischer Geschichte in unserer Stadt nach wie vor auf der Agenda stehen.

Ein anderes Beispiel stellt die mögliche Schließung des Gedenkortes des früheren jüdischen Gymnasiums JAWNE dar. Der im Herzen der Kölner Innenstadt stehende Lern- und Gedenkort ist durch die Kündigung des bislang kostenlosen Mietvertrages der Allianz-Versicherung akut gefährdet.

Die Allianz hatte dem Verein mit Kündigung gedroht, es sei denn, der Verein bringe eine hohe monatliche Miete auf.

Angesichts der Bedeutung dieser Einrichtung für das historische Gedächtnis Kölns und die kulturelle Arbeit innerhalb des christlich-jüdischen Dialogs ist es nicht nachvollziehbar, dass es bis zum jetzigen Zeitpunkt noch immer keine nachhaltige, materielle Absicherung gibt.

Es zeugt von Ignoranz und Geschichtsvergessenheit, diesen wichtigen Ort der Schließung preiszugeben.

Allen Ortens gibt es einen Aufschrei, wenn wieder rechtsextreme Gewalttaten verübt werden und ritualhaft wird dann eine politische Bildungsarbeit beschworen, die an historischen Geschehnissen ansetzt.

Solche historischen Gedenk- und Lernorte, die nur vom ehrenamtlichen Einsatz der Mitarbeiter leben (es wird dort ohne Honorar oder Gehalt gearbeitet!!), müssen erhalten bleiben, damit historisches Lernen möglichst konkret aufgearbeitet werden kann.

Nicht nur für die Kölnische Gesellschaft stellt sich in diesem Zusammenhang für die Zukunft die zentrale Frage, wie nach dem Verlust der Zeitzeugenstimmen, genauer gesagt, die Stimmen der Opfer und Widerstandskämpfer, ein lebendiges Gedenken an die einzigartigen Verbrechen der Schoa entwickelt werden kann.

Wir stehen hier noch ganz am Anfang und benötigen Geduld und kontinuierliche Hinterfragung unseres eigenen Engagements, damit Gedenken nicht zum bloßen Ritual wird.

Ich freue mich deshalb ganz besonders, dass es im Bestreben, der Zukunftsfähigkeit unserer Überzeugungen lebendigen Ausdruck zu verleihen, der Synagogen-Gemeinde Köln und uns, der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, bereits im letzten Jahr gelungen ist, dieser Veranstaltung einen neuen Impuls zu geben, der hoffentlich Früchte tragen wird.

Trotzdem bleibt noch Raum für weitere Verbesserungen. Der Anfangs beklagten Unwissenheit ist durch Gedenkveranstaltungen allein nicht zu begegnen.

Es sind gerade für Schülerinnen und Schüler Gelegenheiten zu schaffen, wo Fragen nach jüdischer Religion, Geschichte und Lebensweise ohne Berührungsängste gestellt und soweit wie möglich beantwortet werden.
Ich bin bereit – und bin sicher, dass ich da nicht alleine stehe -, entsprechenden Nachfragen nachzukommen.

Vor allem an junge Menschen gerichtet soll heute unser Gedenken in die Zukunft weisen.



3 Kommentare to “Miguel Freund, Rede 9.11.2009 in der Synagoge Köln zum 71. Jahrestag der Pogromnacht”

  1. […] lebendig,“ beschrieb vor kurzem noch Miguel Freund in der Synagoge zu Köln die Situation, GSI berichtete. Womit wir mitten im Thema des Holocaus-Gedenktages sind. Denn, so kristallisierte Miguel Freund im […]

  2. […] Miguel Freund, Rede 9.11.2009 in der Synagoge Köln zum 71. Jahrestag der Pogromnacht […]

  3. […] Novemberpogrom – Rede Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch, 10.11.2010 am Synagogen-Denkmal in Bonn Miguel Freund, Rede 9.11.2009 in der Synagoge Köln zum 71. Jahrestag der Pogromnacht OB Roters zur Pogromnacht Gedenkfeier Synagoge Köln […]